Familientragödie? Nein, es ist Frauen*mord! – Ein Aufruf

Clip for the conference:

ACHTUNG, neuer TAGUNGSTERMIN 11.11. 2017

+++ english version below +++

Frauen* sterben, weil sie Frauen* sind. Auch in Deutschland.

Aber solange Begriffe und Erzählungen diese Realität nicht widerspiegeln, solange können wir sie nicht sehen, und solange können wir ihr nicht wirksam begegnen. Das gilt für Mord und Totschlag an Frauen, aber auch für die alltägliche Gewalt, die die Grundlage dafür bildet.

Wir müssen die Zustände also erkennen und benennen – und dann umwälzen.

Was sind die Zustände?

2015 wurden 131 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern umgebracht, insgesamt wurden 311 versuchte und vollendete Tötungen gezählt (BKA-Studie). Die Zahlen tauchen in der allgemeinen Statistik zu partnerschaftlicher Gewalt auf. Aber weshalb starben diejenigen Frauen*, die nicht in der Statistik erscheinen, weil der Mörder nicht der Partner war? Und wieviele Frauen* entkamen nur aus Glück oder eigener Kraft ihrem Tod durch einen Mann? Und wie verliefen die Gerichtsprozesse?

Was fehlt, ist eine umfassende Erhebung über Femizide – über Morde an Frauen*, die geschehen, weil sie Frauen* sind.

Femicidio/Feminicidio* – das Konzept wurde zunächst insbesondere von der Frauen*bewegung in Mexiko aufgegriffen. Sie wollte die erschütternde Anzahl an Frauen*morden innerhalb der scheinbar geschlechtsneutralen homicidios (übersetzt als Tötungen) herausfiltern. Sie wollte die systematische Gewalt gegen Frauen* und die weitgehende Straffreiheit der Täter sichtbar machen. Heute gewinnt das Konzept in vielen Ländern an Bedeutung, in Lateinamerika, aber auch in Europa. In einigen ist der Femizid inzwischen ein eigener Straftatbestand. Doch das reicht noch nicht. Nur ein breites Bewusstsein in der Gesellschaft, den Medien, aber vor allem auch bei Polizei und Justiz ermöglicht die tatsächliche Umsetzung der Gesetze.

Delitto Passionale – Leidenschaftsdelikt, so nannten es die Medien in Italien, bevor der Begriff Femminicidio auch dort etabliert wurde. Von Eifersuchtsdrama oder Familientragödie wird in Deutschland bis heute geschrieben. Frauen*morde müsste es heißen. Denn die Frauen* sterben nicht, weil sie sich falsch verhalten. Sondern sie sterben aufgrund der Stellung der Frauen* in der Gesellschaft. Doch in Deutschland stehen wir mit der notwendigen Auseinandersetzung damit noch ganz am Anfang.

Heute – am 8. März 2017 – rufen Frauen* weltweit zum Kampf gegen die Gewaltherrschaft auf.

Und heute rufen wir dazu auf, noch verstreutes Wissen und Erfahrungen zu sammeln um gemeinsam Aktionspläne zu entwickeln. Meldet Euch bei uns – ob Expertin oder Interessierte, ob Frau* oder nicht – und bringt Euch ein für eine gemeinsame Tagung und Planung am 3. Juni in Berlin.

Heute rufen wir dazu auf, einen Prozess zu beginnen, der Frauen*morde sichtbar machen und damit wirksame Gegen-Mechanismen ermöglichen soll.

Jede ermordete Frau* ist ein Angriff auf uns alle.

Wir wollen keine einzige ermordete Frau* mehr – Keine mehr! Ni una menos!

*Es gibt eine anhaltende Debatte darüber, welcher Begriff geeigneter sei. Femicidio benennt den gewaltvollen Tod einer Frau* durch einen Mann, allein aus dem Grunde, dass sie eine Frau* ist. Feminicidio bezieht sich darüber hinaus auf die Inaktivität des Staates, fehlende Sicherheitsgarantien oder Straflosigkeit. U.E. können beide aber auch komplementär benutzt werden.


Was ist die Idee?

Wir planen eine Tagung mit Workshops. Sie sollen Raum geben, um vorhandenes Wissen darüber zu vermitteln und neues Wissen zu schaffen: was die Geschichte des ursprünglich in Mexiko entstandenen Konzeptes von Frauen*morden ist, wie daraus resultierende Straflosigkeit und die Gewaltspirale in unterschiedlichen Ländern diskutiert wird. Zum anderen soll die Tagung umreißen, welche Realität in Deutschland existiert, ein Ort sein, um gemeinsam Ideen zu sammeln und zu beraten, was das für konkrete Schritte bedeuten würde, um sie zu ändern. Wie kann das Gewaltproblem für Frauen* in Deutschland greifbar und dadurch auch veränderbar werden?

Herzlich eingeladen sind also alle Menschen (aller Geschlechter), die sich damit schon beschäftigt haben oder es wollen. Also auch nicht nur Menschen, die aus journalistischen, medizinischen, erzieherischen, juridischen und anderen Fachbereichen sind. Herzlich eingeladen seid Ihr zur Teilnahme an der Tagung, aber auch zur aktiven Beteiligung am Prozess dorthin oder zu einzelnen inhaltlichen Impulsen. Sei es, durch Beiträge auf unserem Blog, sei es durch Inputs auf der Tagung, sei es durch Hinweise und Kontakte bei der Vorbereitung der Tagung oder dem grundsätzlichen Interesse, mitzuorganisieren. Meldet Euch bei uns in jedem Falle!

Näheres zum Ablauf der Tagung werden wir laufend veröffentlichen.

Kontakt: keineeinzigemehr@gmail.com

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