Gemeinsame Stellungnahme gegen das willkürliche und inakzeptable Verhalten der Polizei an der Demo am 25.11.2017 in Berlin

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Unsere Stellungnahme gegen das willkürliche und inakzeptable Verhalten der Polizei bei der Demonstration zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen* in Berlin.

 

Am Samstag, den 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, folgten Hunderte Frauen dem Aufruf von 17 Frauenorganisationen und nahmen sich die Straßen Berlins. Die Demo sollte um 15 Uhr mit einer Kundgebung am Hermannplatz starten. Die Polizei versuchte den Beginn der Kundgebung und der Demo durch demütigende und willkürliche

Kontrollen und Durchsuchungen der Organisatorinnen und  Teilnehmerinnen aufzuhalten.

Zunächst kontrollierten sie den Ausweis einer Frau, die ein Foto von Abdullah Öcalan bei sich trug. Sie musste einige Stunden in einem Polizeiauto warten. Dann wurde eine andere Frau angehalten, die in ihrer Tasche Plakate zur Demo bringen wollte, noch bevor sie am Hermannplatz ankam. Die Polizei wollte alle Plakate kontrollieren, um zu prüfen ob sie in irgendeiner Verbindung zur PKK stehen. Als sie ein Plakat mit der Aufschrift “Jin, Jiyan, Azadi” fanden, was ein kurdischer Slogan ist und “Frauen, Leben, Freiheit” bedeutet, wurde auch diese Frau nach ihrem Ausweis gefragt. Unsere Freundin argumentierte dagegen und erklärte die Bedeutung des Slogans der Polizei und fragte, ob die kurdische Sprache nun auch verboten sei? Die Polizei scherte sich nicht um ihren Protest, nahm ihren Ausweis und das Plakat mit der Aufschrift “Jin, Jiyan, Azadi” und ließ sie unter Aufsicht eines weiteren Beamten mehr als eine halbe Stunde warten. Danach gaben sie ihr ihren Ausweis und das Plakat zurück, dessen Aufschrift sie “kontrollieren” mussten.

Weiterhin bestand die Polizei darauf den gesamten Inhalt der Lautis zu untersuchen. Sie kontrollierten zudem alles sehr langsam und ließen sich viel Zeit damit, so dass uns viel Zeit verloren ging. Dabei zeigte die Polizei wieder ihre willkürlichen und erniedrigenden Vorschriften, in dem sie entschied die Fahrfähigkeiten der Fahrerinnen in sehr einschüchternder Art und Weise zu kontrollieren. Dazu gehörte unter anderem ein Urintest.

 

17 Frauenorganisationen aus Berlin riefen zu dieser Demo auf. Es waren Hunderte Frauen von vielen Orten der Welt die unter dem Slogan “Den Feminizid weiter bekämpfen- durch Frauenselbstorganisierung und Frauenselbstverteidigung”. Dieser Slogan greift das patriarchale System an, die Solidarität und der Widerstand von Frauen die zusammen kommen, die sich gemeinsam organisieren und laut aufschreien ist eine Gefahr für die sexistische Herrschaftmentalität. Vor allem die Frauenrevolution in Rojava gibt allen Frauen Hoffnung auf Freiheit und Kraft zu kämpfen.

Deshalb wollte die Polizei unsere Demo mit willkürlichen, kriminalisierenden und erniedrigenden Vorschriften stoppen- um uns zu erniedrigen und unsere Bewegung zu schwächen.

Diese Praxen der Polizei  sind das Produkt vom Patriarchat, von strukturellem Sexismus und Rassismus und rufen äußern sich in den rassistischen Personenkontrollen der Polizei hier in Deutschland und darüber hinaus.

 

Dieses Verhalten der Polizei ist nicht nur gegen diese einzelnen Frauen gerichtet, es ist gegen uns alle gerichtet: Frauen aus Kurdistan, Deutschland, Peru, Chile, Argentinien, Afghanistan, Polen, Kenia, Palästina, gegen Frauen von überall auf der Welt, die laut schreien “Jin, Jiyan, Azadi”

Bündnis Internationalistische Feministinnen Berlin

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Our statement against the arbitrary and humiliating police controls subjected to women* demonstrators in Berlin on the International Day Against Violence Against Women

 

On Saturday the 25th of November, on the International Day Against Violence Against Women, hundreds of women took to the streets to the call of 17 women’s organisations in Berlin. The demo should have started at 3pm in Hermannplatz with a short manifestation, but it was hindered by the police who attempted to sabotage the event by implementing arbitrary and humiliating searches of both demonstrators and organizers.

 

Police began their controls by singling out one woman who was carrying a photo of Abdullah Öcalan. She was taken to the police car and had to stay there for some hours. Shortly afterwards another women who was carrying some placards for the demo in her bags was stopped by the police before she arrived at the demo’s location. They stated they wanted to check ‘all’ the placards on the suspicion that they were related to the PKK. When police saw the placard on which was written ‘Jin, Jiyan, Azadi’, a Kurdish slogan meaning ‘Women, Life, Freedom’, they asked for the woman’s ID card. Our comrade argued against it, explaining what the slogan means to the police and asking them if “the Kurdish language is forbidden now?’’ The police did not care, took her ID card and the placard on which was written “Jin, jiyan, azadi” and made her wait there more than half an hour under the custody of another police person, while they ‘controlled’ what was written on the placard. The police then demanded that they would carry out searches of the cars (lautis), which they did very slowly and deliberately, further delaying the demo. In addition to this they carried out random and degrading tests of the drivers’ fitness to drive, including urine tests.

 

17 women organizations from Berlin were calling for this demo. There were hundreds of women from all around the world coming together under the slogan of “fighting feminicide through women’s self-organization and self defense’’. These slogans, which express women’s international solidarity, collective resistance and organizing against sexism and racism, are a huge threat to the patriarchal system. The women’s revolution in Rojava particularly has given hope and strength to many women in this struggle. It is for this reason that the police wanted to stop our demo with arbitrary, criminalizing and humiliating procedures – in order to demean us and to injure our movement. These practices are the direct products of patriarchy, structural racism and sexism, and evoke the arbitrary stop and search procedures, which are instrumentalised by the police to criminalize migrants in Germany and beyond.

 

This behavior is not only directed to these women, but to all of us; women from Kurdistan, from Germany, from Peru, from Chile, from Brazil, from Afghanistan, from Poland, from Kenya, from Palestine; women from all over the world, who were shouting and will continue to shout the slogan “Jin, Jiyan, Azadi”.

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25. November: Day against violence against women

Come all to Hermannplatz at 3pm.

Together with Dest Dan, women in exile, ni una menos and differnet international women movements we walk:

to reclaim the streets

our bodies

our lifes!

Together we are strong!

Kommt um 3 Uhr zum Hermannplatz:

Zusammen mit Dest Dan, women in exile, ni una menos und anderen internationalen feministischen Bewegunge fordern wir

die Straßen

unsere Körper

unsere Leben!

Zusammen sind wir stark!

Preparation: Mittwoch, 15.11.2017, 13h: Flyer verteilen. Treffpunkt: Rossman am Kotti, Donnerstag, 16.11.2017, 18h: Vorbereitungstreffen bei Dest Dan, Reinickendorfer Straße 96

 

 

 

Familientragödie? Nein, es ist Frauen*mord! – Ein Aufruf

Clip for the conference:

ACHTUNG, neuer TAGUNGSTERMIN 11.11. 2017

+++ english version below +++

Frauen* sterben, weil sie Frauen* sind. Auch in Deutschland.

Aber solange Begriffe und Erzählungen diese Realität nicht widerspiegeln, solange können wir sie nicht sehen, und solange können wir ihr nicht wirksam begegnen. Das gilt für Mord und Totschlag an Frauen, aber auch für die alltägliche Gewalt, die die Grundlage dafür bildet.

Wir müssen die Zustände also erkennen und benennen – und dann umwälzen.

Was sind die Zustände?

2015 wurden 131 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern umgebracht, insgesamt wurden 311 versuchte und vollendete Tötungen gezählt (BKA-Studie). Die Zahlen tauchen in der allgemeinen Statistik zu partnerschaftlicher Gewalt auf. Aber weshalb starben diejenigen Frauen*, die nicht in der Statistik erscheinen, weil der Mörder nicht der Partner war? Und wieviele Frauen* entkamen nur aus Glück oder eigener Kraft ihrem Tod durch einen Mann? Und wie verliefen die Gerichtsprozesse?

Was fehlt, ist eine umfassende Erhebung über Femizide – über Morde an Frauen*, die geschehen, weil sie Frauen* sind.

Femicidio/Feminicidio* – das Konzept wurde zunächst insbesondere von der Frauen*bewegung in Mexiko aufgegriffen. Sie wollte die erschütternde Anzahl an Frauen*morden innerhalb der scheinbar geschlechtsneutralen homicidios (übersetzt als Tötungen) herausfiltern. Sie wollte die systematische Gewalt gegen Frauen* und die weitgehende Straffreiheit der Täter sichtbar machen. Heute gewinnt das Konzept in vielen Ländern an Bedeutung, in Lateinamerika, aber auch in Europa. In einigen ist der Femizid inzwischen ein eigener Straftatbestand. Doch das reicht noch nicht. Nur ein breites Bewusstsein in der Gesellschaft, den Medien, aber vor allem auch bei Polizei und Justiz ermöglicht die tatsächliche Umsetzung der Gesetze.

Delitto Passionale – Leidenschaftsdelikt, so nannten es die Medien in Italien, bevor der Begriff Femminicidio auch dort etabliert wurde. Von Eifersuchtsdrama oder Familientragödie wird in Deutschland bis heute geschrieben. Frauen*morde müsste es heißen. Denn die Frauen* sterben nicht, weil sie sich falsch verhalten. Sondern sie sterben aufgrund der Stellung der Frauen* in der Gesellschaft. Doch in Deutschland stehen wir mit der notwendigen Auseinandersetzung damit noch ganz am Anfang.

Heute – am 8. März 2017 – rufen Frauen* weltweit zum Kampf gegen die Gewaltherrschaft auf.

Und heute rufen wir dazu auf, noch verstreutes Wissen und Erfahrungen zu sammeln um gemeinsam Aktionspläne zu entwickeln. Meldet Euch bei uns – ob Expertin oder Interessierte, ob Frau* oder nicht – und bringt Euch ein für eine gemeinsame Tagung und Planung am 3. Juni in Berlin.

Heute rufen wir dazu auf, einen Prozess zu beginnen, der Frauen*morde sichtbar machen und damit wirksame Gegen-Mechanismen ermöglichen soll.

Jede ermordete Frau* ist ein Angriff auf uns alle.

Wir wollen keine einzige ermordete Frau* mehr – Keine mehr! Ni una menos!

*Es gibt eine anhaltende Debatte darüber, welcher Begriff geeigneter sei. Femicidio benennt den gewaltvollen Tod einer Frau* durch einen Mann, allein aus dem Grunde, dass sie eine Frau* ist. Feminicidio bezieht sich darüber hinaus auf die Inaktivität des Staates, fehlende Sicherheitsgarantien oder Straflosigkeit. U.E. können beide aber auch komplementär benutzt werden.


Was ist die Idee?

Wir planen eine Tagung mit Workshops. Sie sollen Raum geben, um vorhandenes Wissen darüber zu vermitteln und neues Wissen zu schaffen: was die Geschichte des ursprünglich in Mexiko entstandenen Konzeptes von Frauen*morden ist, wie daraus resultierende Straflosigkeit und die Gewaltspirale in unterschiedlichen Ländern diskutiert wird. Zum anderen soll die Tagung umreißen, welche Realität in Deutschland existiert, ein Ort sein, um gemeinsam Ideen zu sammeln und zu beraten, was das für konkrete Schritte bedeuten würde, um sie zu ändern. Wie kann das Gewaltproblem für Frauen* in Deutschland greifbar und dadurch auch veränderbar werden?

Herzlich eingeladen sind also alle Menschen (aller Geschlechter), die sich damit schon beschäftigt haben oder es wollen. Also auch nicht nur Menschen, die aus journalistischen, medizinischen, erzieherischen, juridischen und anderen Fachbereichen sind. Herzlich eingeladen seid Ihr zur Teilnahme an der Tagung, aber auch zur aktiven Beteiligung am Prozess dorthin oder zu einzelnen inhaltlichen Impulsen. Sei es, durch Beiträge auf unserem Blog, sei es durch Inputs auf der Tagung, sei es durch Hinweise und Kontakte bei der Vorbereitung der Tagung oder dem grundsätzlichen Interesse, mitzuorganisieren. Meldet Euch bei uns in jedem Falle!

Näheres zum Ablauf der Tagung werden wir laufend veröffentlichen.

Kontakt: keineeinzigemehr@gmail.com

Family tragedy? No, it is Women*’s killing! – A call

ATTENTION, new meeting date 11.11.2017

Women* are dying because they are women*. Also in Germany.

But as long as the terms and narratives we use do not reflect this reality, we will not be able to perceive this, much less change it. This is concerning the murdering of women* and the every day violence from which it stems.

We must first see and name the circumstances – and then resolve them.

What are the circumstances? In 2015 in Germany, 131 women* were killed by their partner or ex-partner, overall 311 attempted or successful killings were recorded (Study by the Federal Criminal Police Office). These numbers are recorded as statistics on partnership violence. But what about the women* who are not included in these numbers because their murders were not committed by their partner, and why did they die?  And, how many women*, who, either by luck or sheer will, escaped being murdered at the hands of a man?  And how were these incidents handled by the justice system?

What we are lacking is a broad awareness of femicides – on the murder of women* because they are women*

Femicidio/Feminicidio – the concept was initially used by the women*’s movement in Mexico. They wanted to make visible the staggering numbers of murdered women* within the gender-neutral category of homicidios (homicides). They wanted to make visible the systematic violence against women* and the general impunity of the perpetrators. Today, this concept is gaining more and more importance in several Latin American countries but also in Europe. In some of them, the concept of femicide has become law. But that alone is not enough. Only a broad consciousness in society, in the media, and within the police and the justice system allows a proper implementation of the existing laws.

Delitto passionale – “crime of passion” it was called in the italian media before the term femmicidio was established. “Crime of envy” and “Family tragedy” are the terms that have been used in the german media until today. Women*’s killing they should be called. Because they don’t die for behaving wrongly. They are killed for the specific place society holds ready for women*. In Germany we are standing at the very beginning of the necessary debate.

Today – on the 8th of march 2017 – women* are calling for a worldwide fight against despotism. And today we make a call to collect and share our knowledge and experience so that, together, we may develop plans of action.  Contact us – whether you are an expert or simply interested in the cause, whether you identify as a woman* or not – and contribute to a mass conference on the 3rd of June in Berlin.

Today we are calling to start a process that makes women*’s killing visible in order to find effective solutions.

Every attack on a woman* is an attack on us. We do not want even one more murdered woman* — Ni una menos!

*There is an ongoing discussion about which term is more suitable. Femicidio designates the killing of females* by males simply because they are female*. Feminicidio additionally highlights the inactivity of the state through deficient security guarantees or impunity. In our opinion both terms can be used complementarily.


The Idea:

We are planning a conference with workshops. The conference should provide a space to share existing knowledge and synthesize a better understanding. What is the history of the concept of femicidio as it developed in Mexico, and how did it start the discussion on immunity and the spiral of violence in different countries. We will look at  the current situation in germany and, together, develop ideas for actions necessary to change it. How can we make the problem of violence more visible and thus changeable?

We warmly welcome all people of all genders who already have experience dealing with this topic, as well as those who wish to begin; not only experts of journalism, medicine, education, law, or other professional fields.  You are welcome to participate in all aspects of the conference, including the process of creating and developing more specific content to be shared and discussed.  We encourage you to share articles on our blog, contribute your voice and perspective to the conference, share useful hints and contacts, or provide any general help with organizing the conference.

More specific information on the conference will continue to be published on our blog.

contact us: keineeinzigemehr@gmail.com